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Begriff Gefühlsbildung

Gefühlsbildung

  • Version 1.0
  • Veröffentlicht 4. November 2022

Der Begriff Gefühlsbildung spielt mit der dreifachen Semantik von Bildung – als Erziehung, als Formannehmen und als prozessuales Entstehen – und überträgt diese Bedeutungsdimensionen auf Vorgänge des Vermittelns, Aneignens, Stabilisierens und Umformens von Emotionsrepertoires durch Akteure. Im Unterschied zum Begriff der Emotionssozialisation, der besonders auf kontingente Prozesse abhebt, bezieht sich Gefühlsbildung stärker auf intentionale Formierungsweisen entlang bestimmter in den Gefühlsregeln und Emotionsrepertoires einer Gesellschaft sedimentierter Leitlinien. Da diese Leitlinien nicht nur historisch, kulturell und sozial variieren, sondern in bewegten Welten auch miteinander in Beziehung treten, sind Prozesse der Gefühlsbildung grundsätzlich variabel und dynamisch. Gefühlsbildung ist somit einerseits kontinuitätsstiftend und andererseits offen für neue Einflüsse, sei es durch Migrationsbewegungen oder medial zirkulierende Emotionsrepertoires.

Im Vergleich zu den Begriffen der Erziehung und Pädagogik ist Gefühlsbildung weiter gefasst: Sie umfasst neben asymmetrischen Vermittlungsprozessen in institutionellen Settings wie etwa der Familie oder Schule vor allem auch den Aspekt der informellen, reziproken Gefühlsmodellierung, wie sie etwa im Kontext von Peer-Groups zu beobachten ist. Als lebenslanger Prozess ist Gefühlsbildung zudem nicht auf Heranwachsende beschränkt, sondern schließt auch Bestrebungen der emotionalen oder affektiven Selbstbildung mit ein, die in etlichen gesellschaftlichen Kontexten – beispielsweise in Form diverser Kurs- und Hilfsangebote – gefördert wird (vgl. emotionale Reflexivität). Gefühlsbildung verweist also auf ein semantisches Feld, das an der Schnittfläche von Emotionspädagogik und Emotionssozialisation angesiedelt ist und deren Randbereiche entsprechend in den Vordergrund rückt. Als sensitizing concept ermöglicht der Begriff Gefühlsbildung sowohl empirische als auch konzeptuelle Explorationen, wie sie in den ersten Laufzeiten des SFB bereits erfolgt sind.

Publikationen aus dem SFB Affective Societies

  • Röttger-Rössler, B. (2019). Gefühlsbildung (the formation of feeling). In: J. Slaby und C. von Scheve (Hg.), Affective Societies: Key Concepts (61-72). London: Routledge.
  • Röttger-Rössler, B., Scheidecker, G., Funk, L., & Holodynski, M. (2015). Learning (by) feeling: A cross-cultural comparison of the socialization and development of emotions. Ethos, 43(2), 187–220.

Sonstige Quellen

Frevert, U., & Wulf, C. (2012). Die Bildung der Gefühle. Zeitschrift für Erziehungswissenschaften, 15, 1–10.

Hochschild, A. R. (1983). The managed heart. Berkeley: University of California Press.

Pritzker, S. E. (2014). Living translations: Language and the search for resonance in U.S. Chinese medicine. New York & Oxford: Berghahn Books.

Quinn, N. (2005). Universals of childrearing. Anthropological Theory, 5(4), 477–516.

Wilce, J. M., & Fenigsen, J. (2016). Emotion pedagogies: What are they, and why do they matter? Ethos, 44(2), 81–95.

Zitierweise

SFB 1171: „Gefühlsbildung“. In: Affective Societies: Key Concepts Online. Published by SFB 1171 Berlin, 4. November 2022.