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Begriff Performanz, Performativität

Performanz, Performativität

  • Version 1.0
  • Veröffentlicht 4. Januar 2023

Performanz tritt theoretisch zur Beschreibung von wirklichkeitskonstituierenden Sprechakten (Versprechen, Schwören, Beleidigen), Inszenierungen (von Theatertexten oder rituellen Skripten), Mediatisierungen, Verkörperungen (zum Beispiel von Geschlechterrollen) und Rezeptionsakten (vom tiefen Lesen bis zum interaktiven Game) auf, kann sich aber grundsätzlich auf alle Handlungstypen beziehen und muss, so eine zentrale These des SFB, auch auf affektive Vollzüge erweitert werden.

Performativität ist von Beginn an ein mehrdeutiges Konzept, das in der Sprachphilosophie (seit Austin und Searle), der Theaterwissenschaft, der Ethnologie und der Medienwissenschaft mit jeweils leicht unterschiedlicher Bedeutung um die Theoretisierung wirklichkeitskonstituierender Hervorbringungsprozesse kreist. Performanz erzeugt eine Gleichzeitigkeit von etwas (in einem weiten Sinne verstanden) Zeichenhaftem und einer aufführenden, ereignishaften Praxis; ein per­for­ma­tiver Akt, in dem dieses Zeichenhafte sowohl konstituiert als auch materialisiert und verwirklicht wird. Im Modus der Wiederholung, der Iteration, kann sich ein Gebrauch von Zeichen über die Zeit stabilisieren, der dabei weder starr noch rein kontingent ist. Wir gehen davon aus, dass dieser Vorgang auch auf Emotionen und Gefühle übertragen werden kann, insofern diese gleichfalls durch performative (und iterative) Akte des Sprechens, Handelns und Verkörperns hervorgebracht werden.

Performanz ist damit sowohl Stabilisator für Emotionsrepertoires (durch die beständige sozial-relationale Wieder-Aufführung von Emotionen) als zugleich auch möglicher Destabilisator durch (minimale) Abweichungen, situative Variation oder Akte der Subversion. Die transformatorische Kraft von Performanz verbindet sie zudem mit der Praxis des (P)reenactments. Gerade durch den Bezug von Performanz/Performativität auf Aufführungsprozesse öffnet sich die Möglichkeit, das Begriffspaar in das theoretische Modell affektiver Relationalität zu überführen und damit Performanz als konstitutiven Teil relationaler Resonanzgeschehen wechselseitiger Affizierungsprozesse mitzudenken.  

Publikationen aus dem SFB Affective Societies

  • Slaby, J., Mühlhoff, R., & Wüschner, P. (2019). Concepts as Methodology: A Plea for Arrangement Thinking in the Study of Affect. In: Kahl, A. (ed.). Analyzing Affective Societies (pp. 27-42). New York: Routledge.

Sonstige Quellen

Bal, M. (2002). Travelling concepts in the humanities: A rough guide. Toronto: University of Toronto Press.

Butler, J. (1990). Gender trouble. London: Routledge.

Butler, J. (1993). Bodies that matter: On the discursive limits of “sex.” New York & London: Routledge.

Deleuze, G., & Guattari, F. (1994). What is philosophy? (H. Tomlinson & G. Burchell, Trans.). New York: Columbia University Press.

Goffman, E. (1956). The presentation of self in everyday life. Edinburgh: University of Edinburgh.

Reckwitz, A. (2016). Praktiken und ihre Affekte. In: H. Schäfer (Ed.), Praxistheorie. Ein soziologisches Forschungsprogramm (pp. 163–180). Bielefeld: transcript.

Wetherell, M. (2012). Affect and emotion: A new social science understanding. London: Sage.

Zitierweise

SFB 1171: „Performanz, Performativität“. In: Affective Societies: Key Concepts Online. Published by SFB 1171 Berlin, 4. Januar 2023.